Sonntag, 12. Juni 2016

Ins offene Meer hinaus

Lange sass ich in meinem Dorf auf dem Hügel
und blickte über das Meer.
Sah, hörte und roch seine Verheissung,
im Werden und Vergehen der Zeit.

Ich wusste, ich will aufs Meer hinaus,
fragte andere um Rat.
Sie sagten, ohne Boot sei dies unmöglich.
Gross, schön und schnell müsse es sein.

Ich hörte auf sie und begann zu bauen,
doch nichts fühlte sich richtig an.
Ich baute ohne Unterlass
und kam doch nicht zum Ziel.

Denn keines meiner Boote geriet, wie sie sagten.
Eines war nicht gross genug,
ein anderes nicht schön genug,
ein weiteres nicht schnell genug.

So vergingen viele Jahre,
und mein Boot war noch immer nicht bereit.
Ich begann, den Glauben an mich selber zu verlieren
und den Traum vom Meer zu vergessen.

Doch das Leben auf dem Hügel wurde unerträglich.
Immer schmerzlicher mein Verbiegen.
Verzweiflung lähmte meine Seele,
bis ich nichts mehr fühlte.

Unnachgiebig war einzig das Reissen nach dem Meer.
Der Wunsch nach Weite und Erfüllung.
Ich wollte endlich wachsen,
und werden, was ich bin.

Eines Tages brach ich einfach auf,
verliess mein Dorf und wanderte ans Meer.
Unterwegs begann ich wieder zu fühlen,
spürte Liebe und Lebenslust.

Jetzt stehe ich am Strand,
das Meer ist weit und ruhig.
Sonnenstrahlen lassen meine Seele tanzen,
mein Herz beginnt zu singen.

Wasser umspült meine Füsse,
ich bin überwältigt von der Schönheit meines Seins.
Meine Kleider lasse ich im Sand zurück
und wate langsam ins Meer hinein.

Das Wasser wird tief und tiefer,
ich lege mich auf den Rücken und lass mich treiben,
getragen von einem grenzenlosen Glücksgefühl.
Endlich bin ich hier.

***
geschrieben am 12.6.2016

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