Mittwoch, 13. Januar 2016

Io ti amo, fuggo lontano* - Ich liebe Dich, ich fliehe weit weg

Manchmal ist die Liebe zwischen zwei Menschen so gross, so tief und so überwältigend, dass es ihnen unmöglich scheint zusammenzubleiben. Zu schmerzhaft sind die Nähe, die Intensität und die Schonungslosigkeit, mit der sie einander erkennen und den Spiegel vorhalten, wenn sie einander begegnen. Sie gehen wieder auseinander. Doch die Liebe zwischen ihnen bleibt bestehen. Auch wenn sie weit weg voneinander leben und keinen Kontakt zueinander haben. Manchmal über Jahre. Sie warten nicht aufeinander. Sie leben ihr Leben, heiraten, gründen vielleicht eine Familie. Und doch gibt es zwischendurch Situationen, in denen sie sich aneinander erinnern. Bis einer der beiden spürt, dass es Zeit ist, den Kontakt wieder herzustellen. Der andere reagiert sofort, als hätte er nur darauf gewartet. Auch wenn er vielleicht ganz lange nicht mehr an diese Liebe gedacht hatte, vielleicht nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie da ist. 

“Devo far finta che non ci sei per scoprire che sei vera."*

"Ich muss so tun, als wärst Du nicht hier, 
um zu entdecken, dass es Dich tatsächlich gibt.“

Die Wiederbegegnung öffnet für beide die Tür zu einer Welt, in der ganz viele wunderschöne Gefühle und Erinnerungen liegen. Aber genauso viele Abgründe. Abgründe, die jeder für sich in seiner Seele trägt und die mit seiner eigenen Geschichte zu tun haben. Die Gefühle erreichen sofort eine Tiefe, die beide lange nicht zuliessen. Eine Tiefe, die alte Sehnsüchte und Wünsche aufsteigen lässt, aber eben auch das schmerzliche Bewusstsein über die eigenen Abgründe. Wie in einem Spiegel erkennt jeder im anderen den Teil von sich selber, den er nicht anschauen will oder kann. Sie erkennen auch die Liebe. Sie anzunehmen, ist schwierig, sie zu leben in dem Moment fast nicht möglich. So gross, so tief und so überwältigend diese Liebe ist, der Schmerz und die Angst stehen mitten drin. Und sie sind es, die die beiden voneinander wegtreiben. 


“Di ogni viaggio lontano da te sei la meta."*

"Von jeder Reise weit weg bist Du das Ziel.“

Der Schmerz und die Angst vor den eigenen Abgründen sind so gross, dass einer der beiden - meist der Mann - den Kontakt abbricht. Weil er glaubt, sich dadurch schützen zu können. Er fühlt sich verloren und verwirrt. Und hofft, auf dieser Flucht seinen eigenen Gefühlen entkommen zu können. Aber er merkt schon bald, dass er sich ihnen stellen muss. Sie gehören zu ihm. Die Begegnung mit dieser Frau machte ihm dies schonungslos bewusst. 


"Amore amore amore amore.
Questa parola vista da lontano
mi fa sentire un pellegrino
un penitente
un cavaliere errante
un mezzo deficiente"*

"Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, 
wenn ich dieses Wort aus der Ferne sehe,
fühle ich mich wie ein Pilger, 
ein Reuiger, 
ein umherirrender Ritter, 
ein halb Schwachsinniger"

Er wird sich winden, vielleicht über Jahre hinweg, obschon er im Grunde weiss, dass er an dieser Aufgabe wachsen kann, wachsen muss. Je beharrlicher er sich dieser Erkenntnis verschliesst, desto grösser wird die Kraft dieser Liebe, desto stärker schmerzen ihn seine Wunden. Dieser Kraft zu widerstehen, wird immer schwieriger. Die bisherigen Verhaltensweisen, die ihn von diesem Schmerz bewahrten – beispielsweise Überbetonung des Verstandes, Überengagement bei der Arbeit, Beziehungen, die nicht zu sehr in die Tiefe gehen, ein Umfeld, das seine Gefühle nicht herausfordert   funktionieren nicht mehr. Seine Welt bekommt Risse. Eine lange Suche beginnt.


“Mi devo allontanare da te per vederti tutta intera."*

"Ich muss mich von Dir entfernen, 
um Dich in Deiner Ganzheit zu sehen.“

Die Frau  wird vielleicht nicht verstehen, was sich abspielt. Warum er den Kontakt abgebrochen hat. Sie wird wütend, fühlt sich verraten und verletzt. Bis sie erkennt, dass die Gefühle, die diese Begegnung ausgelöst, die enormen Energien, die sie freigesetzt hat, einzig für sie da sind. Dass sie sie für sich nutzen kann und muss, um weiterzukommen und um sich aus ihren eigenen Gefühlsfallen und Verhaltensblockaden zu befreien. Die Mauer des Schweigens, die er zwischen ihnen aufgebaut hat, ist nicht gegen sie, sondern für sie. Sie bewahrt sie davor, sich in dieser Liebe zu verlieren. Sie ist eine Chance. Um ihre eigenen Abgründe zu klären und frei zu werden für sich selber und die unverfälschten Wünsche und Sehnsüchte, die lange hinter jener Tür lagen, die durch diese Begegnung geöffnet wurde. Und um auf ihren eigentlichen Lebensweg zurückzufinden, von dem sie abgekommen war und zu dem sie aus eigener Kraft nicht zurückfinden konnte.  

Für beide ist der Weg schwierig. Er braucht Kraft, Vertrauen und die Bereitschaft, den anderen loszulassen und sich immer wieder auf sich selber und den eigenen Weg zu besinnen. Nur wenn beide ihre Aufgaben erkennen und sich ihnen stellen, können sie frei, sicher und stark genug werden, diese Liebe, die einfach da ist, zusammen anzunehmen und zu leben. 

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* Der Titel dieses Beitrags und die eingeschobenen Zitate sind dem Song „Stella cometa“ des italienischen Musikers Jovanotti entnommen. Darin geht es um eine Liebe, die so intensiv ist, dass sie kaum auszuhalten ist. Eine Verbindung, die den einen vom anderen wegtreibt. Die letztlich beide dazu zwingt, sich zu distanzieren, um überhaupt die Grösse dessen zu begreifen, was da geschieht.
Das offizielle Video dazu.

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geschrieben am 13.1.2016

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